Urteil vom Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen - 3 A 3611/96
Tenor
Die Berufung wird zurückgewiesen.
Die Kläger tragen die Kosten des Berufungsverfahrens.
Die Kostenentscheidung ist vorläufig vollstreckbar. Die Kläger dürfen die Voll- streckung durch Sicherheitsleistung in Höhe des beizutreibenden Betrages abwen- den, wenn nicht der Beklagte vor der Vollstreckung Sicherheit in gleicher Höhe leis- tet.
Die Revision wird nicht zugelassen.
1
Tatbestand:
2Die Kläger wenden sich gegen die Heranziehung zu einer Vor- ausleistung auf den Erschließungsbeitrag für die erstmalige Herstellung der straße zwischen der Straße " " und der allee.
3Die Kläger sind zu je ¼ Miteigentümer des Grundstücks Ge- markung , Flur 15, Flurstück 202, das an die straße an- grenzt und aus der ehemaligen Parzelle 117 hervorgegangen ist. Mit notariellem Vertrag aus dem Jahre 1955 übertrug die dama- lige Eigentümerin der (Alt-)Parzellen 117 und 118 der Gemeinde als Rechtsvorgängerin der Stadt das Flur- stück 116 "unentgeltlich" zu Straßenbauzwecken. In dem Vertrag verpflichtete sich die Gemeinde , die jeweiligen Eigentümer der Flurstücke 117 und 118 "von jeglichen Anliegerbeiträgen bezüglich des in Aussicht genommenen Straßenausbaus" freizu- stellen.
4Im Februar/März 1960 sagte die Tiefbaufirma Dunkel aus der Gemeinde im Rahmen einer Vergleichsregelung zu, die straße in von der Einmündung allee (heute allee) bis zum Grundstück (heutiges Flurstück 503) "in einer Breite von 3,50 m nach vorheriger Abstimmung und im Einvernehmen mit dem Bauamt des Amtes ordnungsge- mäß auszubauen und mit einer Teerdecke zu versehen". Dabei wurde vereinbart, daß die Art des Straßenausbaus "in Anpassung an den übrigen Straßenausbau in zu erfolgen" habe. Unter dem 25. Juli 1960 wurde in den Verwaltungsvorgängen des Be- klagten vermerkt, die Firma habe die Steinackerstraße in "ordnungsgemäß ausgebaut". Im Februar 1962 beschloß der Rat der Gemeinde , das bis dahin nicht ausgebaute Teilstück der straße provisorisch mit Steinmaterial aus dem Gemeindesteinbruch zu befestigen. Nachdem es vermehrt zu Beschwerden der Anlieger dieses Straßenteilstücks über Entwäs- serungsprobleme gekommen war, wurden 1967 ein provisorischer Regenwasserkanal mit drei Straßenabläufen sowie ein Sinkkasten vor dem Wohnhaus straße Nr. 41 installiert. Im Jahre 1968 wurde die Straßenstrecke vom Grundstück bis einschließ- lich der Einmündung der Straße " " in 4 m Breite mit einer Schwarzdecke versehen, die bei der Auftragsvergabe als "provisorische Befestigung" bezeichnet wurde.
5Bis April 1976 wurde im Bereich der straße zwischen allee und der Straße " " eine Entwässerungsanlage fertiggestellt. Nachdem 1991/92 die straße zwischen B 507 und der Straße " " ausgebaut worden war, beschloß der Rat der Stadt im Oktober 1992 die Bildung eines Abrechnungsabschnitts für diese Straßenstrecke. In den Jahren 1992/93 wurde der nördliche Teil der straße zwischen der Straße " " und der allee (" straße-Nord") in seinem heutigen Zustand fertiggestellt.
6Mit Bescheiden vom 10. August 1993 zog der Beklagte die Kläger zu einer Vorausleistung auf den Erschließungsbeitrag für die erstmalige Herstellung der straße zwischen der Straße " " und allee heran. Die Bescheide setzten einen Vorausleistungsbetrag von jeweils 24.821,99 DM für das Flur- stück 202 fest, wobei von jedem der Kläger die Zahlung eines Viertels dieses Betrages (6.205,50 DM) verlangt wurde. Bei der Berechnung des voraussichtlichen Erschließungsaufwandes stell- te der Beklagte Aufwendungen für Fahrbahn, Gehweg, Straßenent- wässerung und Straßenbeleuchtung ein.
7Den daraufhin erhobenen Widerspruch der Kläger wies der Be- klagte mit Widerspruchsbescheid vom 2. Mai 1994 zurück.
8Die von den Klägern am 24. Mai 1994 erhobene Klage mit dem Antrag,
9die Heranziehungsbescheide des Beklagten vom 10. August 1993 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 2. Mai 1994 aufzuheben,
10hat das Verwaltungsgericht mit dem angefochtenen Urteil, auf dessen Begründung verwiesen wird, abgewiesen.
11Gegen das ihnen am 11. Juni 1996 zugestellte Urteil haben die Kläger am 3. Juli 1996 Berufung eingelegt. Zur Begründung machen sie im wesentlichen geltend: Es sei erneut zu überprüfen, ob der Entstehung der Erschließungsbeitragspflicht im Hinblick auf die im Jahre 1960 ausgebaute Teilstrecke der straße § 242 Abs. 1 BauGB entgegenstehe. Der Rat der Gemeinde habe diesen Ausbau seinerzeit als "ordnungsgemäß" betrachtet. Es spreche daher vieles dafür, daß die Gemeinde den damaligen Ausbau der straße als für den innerörtlichen Verkehr aus- reichend erachtet habe. Der Vorausleistungspflicht stehe zudem die in dem notariellen Vertrag aus dem Jahre 1955 geregelte Beitragsfreistellung entgegen. Diese Freistellung könne sich als Gegenleistung für die Übereignung von Grundeigentum erheb- licher Größe nur auf beitragspflichtige Maßnahmen beziehen. Die Auslegung des Verwaltungsgerichts, nach der sich der Rege- lungsinhalt der Freistellungsklausel in einer Beitragsfreiheit für die in den Jahren 1960 und 1967/68 durchgeführten Baumaß- nahmen erschöpfe, verfehle ersichtlich den Zweck der Vereinba- rung, da diese Maßnahmen ohnehin nicht beitragspflichtig gewe- sen seien.
12Die Kläger beantragen,
13das angefochtene Urteil zu ändern und nach dem Klageantrag zu erkennen.
14Der Beklagte beantragt,
15die Berufung zurückzuweisen.
16Er macht geltend: Die Voraussetzungen des § 242 Abs. 1 BauGB lägen nicht vor. Die straße habe nicht dem innerörtlichen Verkehr gedient. Die bautechnischen Mindestanforderungen an eine vorhandene Straße - eine hinreichend befestigte Fahrbahn, eine nicht nur provisorische Straßenentwässerung und eine Straßenbeleuchtung, die einen ungefährdeten Haus-zu-Haus-Verkehr zulasse - seien nicht erfüllt gewesen. Die straße zwischen der Straße " " und dem Grundstück sei lediglich als Feldweg vorhanden gewesen. Der sich anschließende Teil bis zur (heutigen) allee sei - ohne jeglichen Unterbau - nur mit einer Teerschicht versehen worden. Namentlich habe es an einer ordnungsgemäßen Oberflächenentwässerung sowie einem befestigten Gehweg und damit an dem auch in einer kleineren Landgemeinde erforderlichen Mindestausbau einer innerörtlichen Straße gefehlt. Im übrigen erfasse § 242 Abs. 1 BauGB nur "insgesamt" vorhandene Erschließungsanlagen und nicht lediglich Teile derselben. Die in dem notariellen Vertrag aus dem Jahre 1955 enthaltene Freistellungsklausel könnte weder als einseitige Verzichtserklärung noch als Ablösungsver- einbarung Geltung beanspruchen. Ein sich etwa auf den nunmehr anstehenden Erschließungsbeitrag erstreckender Verzicht wäre gegebenenfalls als nichtig zu betrachten. Ein Beitragserlaß könne nur ausnahmsweise unter den Voraussetzungen des § 135 Abs. 5 BauGB als wirksam angesehen werden. Daß den Anforderun- gen dieser Vorschrift genügt sein könnte, sei indes weder vor- getragen noch ersichtlich. Auch die tatbestandlichen Voraus- setzungen einer Ablösungsvereinbarung seien nicht gegeben. Un- abdingbares Wirksamkeitserfordernis für eine Ablösungsverein- barung sei ein äquivalentes Verhältnis zwischen Beitragsbe- freiung und Gegenleistung. Setze man die seinerzeit erfolgten Grundstücksübertragungen ins Verhältnis zu den voraussichtli- chen Erschließungsbeiträgen, trete eine fehlende Äquivalenz deutlich zutage. Ungeachtet dessen ließen die Freistellungs- klauseln nicht mit der von der Rechtsprechung geforderten Ein- deutigkeit die Auslegung zu, die Vertragspartner hätten das spätere Entstehen einer Beitragspflicht schlechthin ausschlie- ßen wollen. In dem Vertragstext sei allein der zum damaligen Zeitpunkt konkret in Aussicht genomme Straßenausbau in Bezug genommen. Mit der in den Parallelverfahren 3 A 3613, 3614 und 3621/96 vorgelegten Bescheinigung des Beklagten aus dem Jahre 1969, nach der Erschließungsbeiträge für die straße nicht erhoben würden, sei lediglich die zutreffende Feststel- lung getroffen worden, daß zum damaligen Zeitpunkt keine Bei- träge hätten anfallen können.
17Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakte in diesem und den Paral- lelverfahren 3 A 3612 - 3615, 3619 - 3621/96 sowie der in die- sen Verfahren vom Beklagten vorgelegten Verwaltungsvorgänge Bezug genommen.
18Entscheidungsgründe:
19Die zulässige Berufung ist unbegründet. Das Verwaltungsgericht hat die Klage zu Recht abgewiesen.
20Die Heranziehungsbescheide des Beklagten vom 10. August 1993 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 2. Mai 1994 sind rechtmäßig und verletzen die Kläger nicht in ihren Rechten (§ 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO). Sie finden ihre Rechtsgrundlage in den §§ 127 ff. BauGB i.V.m. der Satzung über die Erhebung von Erschließungsbeiträgen in der Gemeinde vom 15. Dezember 1987 (EBS 1987) in der Fassung der 1. Satzung zur Änderung der EBS 1987 vom 12. Juli 1988. Dieses Satzungsrecht stellt, soweit im vorliegenden Zusammenhang von Bedeutung, gültiges Ortsrecht dar.
21Die danach maßgeblichen Voraussetzungen für die Heranziehung zu der streitigen Vorausleistung liegen vor. Das Verwaltungsgericht hat namentlich zu Recht angenommen, daß es sich bei der Abrechnungsstrecke " straße-Nord" in keinem Bereich um eine nach § 242 Abs. 1 BauGB beitragsfreie sogenannte vorhandene Straße handelt (1.). Es ist ferner zutreffend davon ausgegangen, daß der Beitragspflicht (Vorausleistungspflicht) auch nicht die "Freistellungsvereinbarung" aus dem Jahre 1955 entgegensteht (2.).
221. Die straße zwischen der Straße " " und allee erfüllt weder ganz noch bezüglich eines Teilstücks die Voraussetzungen einer vorhandenen Straße i.S.v. § 242 Abs. 1 BauGB. Dies gilt insbesondere auch für die 1960 ausgebaute Straßenstrecke zwischen heutiger allee und dem Grundstück (heutiges Flurstück 503), an die das klägerische Grundstück angrenzt.
23Zu den vorhandenen Erschließungsanlagen i.S.v. § 242 Abs. 1 BauGB zählen jene Straßen, die bereits vor Inkrafttreten des Bundesbaugesetzes hergestellt waren, nämlich die "vorhandenen Straßen" im Sinne des preußischen Anliegerbeitragsrechts und die unter Geltung dieses früheren Rechts programmgemäß fertig gestellten Straßen. "Vorhanden" im Sinne des preußischen An- liegerbeitragsrechts ist eine Straße nach der vom Senat fort- gebildeten Rechtsprechung des Preußischen Oberverwaltungsge- richts, wenn sie vor Inkrafttreten des ersten Ortsstatuts nach § 15 des Preußischen Fluchtliniengesetzes (PrFlG) mit dem Wil- len der Gemeinde wegen ihres insoweit als ausreichend erachte- ten Zustands dem inneren Anbau und dem innerörtlichen Verkehr zu dienen bestimmt war und tatsächlich gedient hat.
24Vgl. etwa Senatsurteile vom 19. Mai 1999 - 3 A 6205/95 -, vom 29. Februar 1996 - 3 A 743/92 -, OVGE 45, 254 (255) sowie vom 19. Juli 1990 - 3 A 2934/86 - , NWVBl. 1991, 296.
25Die Gemeinde besaß kein wirksames Ortsstatut nach § 15 PrFlG (a). Zu dem mithin maßgeblichen Zeitpunkt, dem letzten Tag vor Inkrafttreten der erschließungsbeitragsrechtlichen Vorschriften des BBauG, nämlich dem 29. Juni 1961, lagen die genannten Voraussetzungen für eine vorhandene Straße im Sinne des preußischen Anliegerbeitragsrechts jedenfalls nicht voll- ständig vor (b).
26a) Das erste Ortsstatut nach § 15 PrFlG beschloß der Rat der Gemeinde am 17. Oktober 1960. Dieses Ortsstatut wurde zwar durch Aushang in der Zeit vom 28. Januar 1961 bis 11. Februar 1961 öffentlich bekannt gemacht. Die Bekanntma- chung hatte aber keine rechtliche Wirkung, da die Gemeinde seinerzeit keine gültige Bekanntmachungsregelung hatte. § 14 der für den Zeitpunkt der Bekanntmachung noch maß- geblichen Hauptsatzung vom 26. Juni 1953, nach dem öffentlich bekannt zu machende Beschlüsse des Rates an den amtlichen Bekanntmachungstafeln zu veröffentlichen waren, war ungültig, da weder Ort und Zahl der Aushangstellen festgelegt waren, noch die Dauer der Aushangsfrist bestimmt war.
27Vgl. Senatsurteil vom 10. Februar 1960 - III A 618/56 -, KStZ 1960, 197, sowie Urteil vom 26. Mai 1971 - III A 565/69 - (letzteres zu dem in- haltsgleichen Satzungsrecht der Gemeine ).
28b) Nach den mithin maßgeblichen Verhältnissen am 29. Juni 1961, dem letzten Tag vor Inkrafttreten des Erschließungsbei- tragsrechts des BBauG, bis zu dem die Gemeinde ein Ortsstatut noch hätte in Kraft setzen können,
29vgl. etwa die Urteile des Senats vom 18. März 1970 - III A 810/67 -, OVGE 25, 237 (240), sowie vom 5. Juni 1968 - III A 983/66 -, OVGE 24, 89 (90),
30handelte es sich auch bei der straße zwischen (heutiger) allee und dem Grundstück (heutiges Flur- stück 503) nicht um eine "vorhandene Straße" i.S.d. preußi- schen Anliegerbeitragsrechts. Nach Auswertung der vorgelegten Unterlagen und der vom Beklagten in der mündlichen Verhandlung vor dem Senat gegebenen Erläuterungen ergibt sich nämlich, daß die " straße-Nord" am 29. Juni 1961 weder insgesamt noch in Teilstrecken dem innerörtlichen Verkehr gedient hat.
31"Innerörtlicher Verkehr" bedeutet nach der Rechtsprechung des Senats einen Verkehr von Haus zu Haus innerhalb einer ge- schlossenen Ortslage im Gegensatz zu dem Verkehr zwischen Ge- meinden, voneinander getrennten Ortslagen oder verstreut lie- genden Anwesen.
32Vgl. Senatsurteil vom 9. Februar 1999 - 3 A 2735/94 -, sowie vom 11. Oktober 1972 - III A 1178/70 - ZMR 1974, 96 m.w.N.
33Eine geschlossene Ortslage in diesem Sinne ist zu bejahen, wenn das zu beurteilende Gebiet wegen der vorhandenen Bebauung eine städtebauliche Einheit i.S.d. heutigen Rechtsprechung zu den § 34 und 35 BBauG/BauGB bildet. Dafür ist entscheidend, ob eine aufeinander folgende Bebauung trotz vorhandener Baulücken den Eindruck der Geschlossenheit vermittelt und einen Bebau- ungskomplex im Gebiet der Gemeinde bildet, der nach der Zahl der vorhandenen Bauten ein gewisses Gewicht besitzt und Aus- druck einer organischen Siedlungsstruktur ist.
34Vgl. BVerwG, Urteile vom 6. November 1968 - IV C 2.66 -, BVerwGE 31, 20 (21) und - IV C 31.66 -, BVerwGE 31, 22 (26); Senatsurteil vom 9. Februar 1999 - 3 A 2735/94 -.
35Dabei sind ungeachtet des Rückgriffs auf heutige rechtliche Maßstäbe in zeitlicher Hinsicht die Verhältnisse bei Inkraft- treten des ersten Ortsstatuts bzw. - in Fällen der vorliegen- den Art, in denen ein wirksames Ortsstatut nie erlassen wur- de - jene am Tage vor dem Inkrafttreten des BBauG zugrunde zu legen.
36Vgl. Senatsurteil vom 11. Oktober 1972, a.a.O.
37Der Senat geht von den Kartenausschnitten aus, die den Stand der Jahre 1963 bzw. 1964 besitzen und vom Beklagten nach Auf- forderung des Senats, die Anbauverhältnisse am 29. Juni 1961 anzugeben, als einzig verfügbares Kartenmaterial aus etwa die- ser Zeit vorgelegt worden sind; er berücksichtigt überdies die in der mündlichen Verhandlung vor dem Senat gegebenen Erläute- rungen des Vertreters des Beklagten. Danach lag am 29. Juni 1961 keines der möglicherweise Zugang oder Zufahrt zur straße besitzenden Grundstücke,
38vgl. zu diesem Erfordernis: Senatsurteil vom 7. Juni 1973 - III A 847/71 -, ZMR 1974, 315,
39im Bereich einer geschlossenen Ortslage im zuvor beschriebenen Sinne. Die insoweit allein eine nähere Betrachtung rechtferti- gende - bis zum September 1960 genehmigte und in Plänen aus dem im Jahre 1963 verzeichnete - Bebauung am nördlichen Ende der straße erfüllt die genannten Voraussetzungen nicht. Die auf dem Grundkartenauszug eingezeichnete Bebauung auf dem Flurstück 86 (nordwestliche Straßenseite) und den Flurstücken 129, 130, 131 und 167 (südöstliche Straßenseite) erscheint - auch unter Einbeziehung der weiter nordöstlich in nicht un- erheblichem Abstand (kürzeste Entfernung: etwa 120 m) gelege- nen Bebauung auf den Flurstücken 124, 126, 141 und 10 sowie unter Berücksichtigung des ländlichen Gebietscharakters - als (noch) von zu geringem Gewicht, um als "Ortsteil" im Rechts- sinne eingestuft werden zu können. Namentlich mit Blick auf ihre insgesamt gesehen unregelmäßig und weiträumig erscheinen- de Anordnung (Ausrichtung der Gebäude in unterschiedliche Him- melsrichtungen sowie zu verschiedenen Straßen bzw. Wegen, zum Teil erhebliche und im Verhältnis zueinander stark divergie- rende Gebäudeabstände) läßt die genannte Bebauung zudem keine organische Siedlungsstruktur erkennen. Die in Rede stehenden Gebäude stellten sich am 29. Juni 1961 vielmehr als Elemente einer Splittersiedlung innerhalb eines Bereiches dar, der je- denfalls südöstlich der (heutigen) Bundesstraße B 484 durch weiträumige Freiflächen geprägt war. Auch eine mehr oder weni- ger große Häufigkeit von Splittersiedlungen im Gemeindegebiet rechtfertigte nicht etwa die Beurteilung, es handele sich um eine ortstypische organische Siedlungsstruktur.
40Vgl. dazu: BVerwG, Beschluß vom 19. April 1994 - 4 B 77.94 -, S. 3 des Beschlußabdrucks.
41Es kann offen bleiben, inwieweit sich nordwestlich der heuti- gen Bundesstraße 484 am 29. Juni 1961 ein im Zusammenhang be- bauter Ortsteil etwa im Bereich der Straße befand. Denn ein dort gegebener Bebauungszusammenhang würde über die Bun- desstraße, auch wenn sie seinerzeit möglicherweise noch Lan- desstraße I. Ordnung war, und die damals auf der nordwestli- chen Seite der Bundes- bzw. Landesstraße verlaufende Eisen- bahntrasse als markante topographische Einschnitte nicht hin- ausreichen. Hiervon ausgehend kann ferner dahinstehen, ob die Häuser auf den Flurstücken 129, 130, 131 und 167 damals tat- sächlich (zumindest auch) einen Zugang oder eine Zufahrt zur straße besaßen, was fraglich erscheint, weil die auf diesen Flurstücken vorhandene Bebauung zum südöstlich verlau- fenden Weg (heute: Zum ) ausgerichtet war.
422. Die Beitragspflicht (Vorausleistungspflicht) der Kläger ist auch nicht deshalb ausgeschlossen, weil die Voreigentümerin des Grundstücks im Jahre 1955 mit der Gemeinde eine Vereinbarung über die "Freistellung" von Anliegerbeiträgen geschlossen hatte.
43Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts kann eine vor Inkrafttreten des Bundesbaugesetzes abgeschlossene Vereinbarung zwischen einer Gemeinde und einem Grundstückseigentümer das Entstehen einer Erschließungsbeitragspflicht für eine nach Inkrafttreten des BBauG erstmalig endgültig hergestellte beitragsfähige Erschließungsanlage nur dann verhindern, wenn die Vertragspartner seinerzeit eindeutig, d.h. zweifelsfrei übereinstimmend verabredet haben, daß das Entstehen der Beitragspflicht für alle Zeiten und ohne Rücksicht auf die jeweilige Rechtslage ausgeschlossen sein soll. Diese Vor- aussetzung ist demnach nur erfüllt, wenn die entsprechende Vereinbarung - unter Berücksichtigung der insoweit beachtli- chen Umstände - einzig die Deutung zuläßt, die Vertragspartner hätten das spätere Entstehen einer Beitragspflicht schlechthin ausschließen wollen.
44Vgl. etwa BVerwG, Urteil vom 29. Mai 1970 - IV C 141.68 -, BVerwGE 35, 222 (223), Beschluß vom 27. August 1987 - 8 B 81.87 -; vgl. ferner Urteil des Senats vom 22. September 1999 - 3 A 6634/95 -; BayVGH, Urteil vom 1. Oktober 1990 - 6 B 87.01751 -, BayVBl. 1991, 437; Driehaus Erschlie- ßungs- und Ausbaubeiträge, 5. Aufl., § 22 Rdnr. 8 m.w.N.
45Diese Voraussetzung erfüllt die streitige "Freistellungsver- einbarung" im Hinblick auf eine Beitragspflicht für den in den Jahren 1992/93 erfolgten Ausbau der " straße-Nord" nicht. Weder der Wortlaut und der Vertragszweck noch die verfolgten wirtschaftlichen Interessen der Vertragsparteien oder andere Umstände rechtfertigen mit der erforderlichen Eindeutigkeit die Auslegung, die versprochene Freistellung erstrecke sich auch auf jene Baumaßnahmen, die den angefochtenen Vorausleis- tungsbescheiden zugrunde liegen:
46Ausweislich des Vertragstextes hat sich die Gemeinde zwar zur "Freistellung" von "jeglichen Anliegerbeiträgen" ver- pflichtet. Diese Formulierung spricht zunächst dafür, daß An- liegerbeiträge ungeachtet ihrer näheren Qualifizierung nach seinerzeitigem Recht einschließlich solcher Beiträge gemeint waren, die mangels bestehenden, einschlägigen Ortsrechts zum Zeitpunkt des Vertragschlusses noch nicht hätten erhoben wer- den können. Sie mag ferner Anhalt dafür geben, daß Anlieger- beiträge zudem unabhängig von einer späteren Änderung der Ge- setzeslage und somit auch über die Geltung des preußischen An- liegerbeitragsrechts hinaus erfaßt werden sollten. Diese Ge- sichtspunkte bedürfen indes keiner abschließenden Klärung. Denn Bezugspunkt der versprochenen "Freistellung" von "jegli- chen Anliegerbeiträgen" war lediglich - wie das Verwaltungsge- richt zutreffend herausgestellt hat - der "in Aussicht genom- mene Straßenausbau". Diese Wortwahl, die weder abstrakt "den Straßenausbau" noch allgemein "die in Aussicht genommene Stra- ße", sondern einen durch den Zusatz "in Aussicht genommen" nä- her konkretisierten "Straßenausbau" zum Gegenstand hat, läßt es zumindest als naheliegend erscheinen, daß nur diejenigen Baumaßnahmen der Beitragsfreistellung unterfallen sollten, welche die Gemeinde damals, nämlich im Jahre 1955, für die beabsichtigte Erschließung des Areals als Wohngebiet plan- te. Insoweit bestehen nach Überzeugung des Senats keine durch- greifenden Anhaltspunkte dafür, daß die Gemeinde zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses nach Art und Umfang weitergehende Stra- ßenbaumaßnahmen in ihre Planung eingeschlossen hatte, als sie zunächst im Abschnitt zwischen (heutiger) allee und dem Grundstück (heutiges Flurstück 503) und später in ähnlicher Weise in den sich anschließenden Teilstücken durchgeführt wor- den sind. Einer anderen Betrachtungsweise steht insbesondere entgegen, daß die Gemeinde den im Jahre 1960 erfolgten Ausbau bis zum Grundstück ausweislich des Ratsbeschlusses vom 22. Februar 1960 und des den Ausbau bestätigenden Vermerks vom 25. Juli 1960 als "ordnungsgemäß" betrachtete. Dies stützt die Annahme, daß ein Ausbau in der im Jahre 1960 vorgenommenen Art offenbar seinerzeit (noch) den Planungen der Gemeinde ent- sprach. Umgekehrt sind keine Anzeichen dafür ersichtlich, daß die Gemeinde bereits im Jahre 1955 Baumaßnahmen des Umfangs "in Aussicht genommen" hatte, wie sie vom Beklagten fast vier- zig Jahre später in den Jahren 1992/93 durchgeführt worden sind.
47Gegen eine solche Begrenzung der "Freistellungswirkung" auf die seinerzeit konkret geplanten Baumaßnahmen lassen sich we- der unter dem Gesichtspunkt des Vertragszwecks noch mit Blick auf die wirtschaftliche Motivationslage der Vertragsparteien durchgreifende Bedenken herleiten: Aus Sicht des Jahres 1955 mußten die Beteiligten in Rechnung stellen, daß ein "in Aus- sicht genommener Straßenausbau" in dem dann im Jahre 1960 für das erste Teilstück realisierten Umfang ohne weiteres nach Maßgabe des preußischen Anliegerrechts hätte beitragspflichtig werden können. Zur Entstehung einer Beitragspflicht mit Bebau- ung des Grundstücks hätte es über die Durchführung der Stra- ßenbaumaßnahmen hinaus nur des Erlasses eines wirksamen Ortsstatuts nach § 15 PrFlG bedurft, das entweder keine Rege- lung über die Merkmale der "ersten Einrichtung" einer neuen Straße oder jedenfalls keine weitergehenden Kriterien ent- hielt, als sie dem im Jahre 1960 für das erste Teilstück of- fenbar umgesetzten Bauprogramm zugrunde gelegen haben.
48Vgl. dazu: von Strauß und Torney/ Saß, Straßen- und Baufluchtengesetz vom 2. Juli 1875, Kommentar, 7. Aufl., 1934, S. 247 ff.
49Eine "Freistellungsklausel" des dargestellten Inhalts hätte insoweit der Abwehr eines im Jahre 1955 greifbaren "Veranla- gungsrisikos" gedient, das hinsichtlich des (konkret) "in Aus- sicht genommenen Straßenausbaus" bestand. Der Umstand, daß sich dieses Risiko bezüglich der in den 60er Jahren durchge- führten Baumaßnahmen tatsächlich nicht realisiert hat, schließt die in Betracht gezogene Auslegung nicht aus. Denn der Zweck der Vereinbarung - keine finanzielle Belastung der Straßenland zur Verfügung stellenden Anlieger durch den "in Aussicht genommenen Straßenausbau" im zuvor beschriebenen Sin- ne - ist dessen ungeachtet erfüllt worden.
50Dagegen kann auch nicht mit Erfolg eingewandt werden, für die Abwendung einer nur möglicherweise drohenden Beitragspflicht für den "in Aussicht genommenen Straßenausbau" sei die frühere Eigentümerin des Grundstücks kaum bereit gewesen, eine Grundstücksfläche in Größe von 771 m² für Straßenzwecke ohne weitere Gegenleistung zu übertragen. Als wesentliches und ausschlaggebendes Motiv für die Übereignung des Straßenlandes kann regelmäßig und mangels anderer Anhaltspunkte auch vorliegend die Erwartung zugrunde gelegt werden, durch die Entwicklung der im eigenen Eigentum verbleibenden Grundflächen zu Bauland zu profitieren und damit einen erheblichen Wertzuwachs zu erzielen. Dabei ist in Rechnung zu stellen, daß die der Voreigentümerin als Bauland verbliebenen Grundstücke, die (Alt-)Parzellen 117 und 118, eine vielfach größere Fläche aufwiesen als das übereignete Straßenland. Die Freistellungsklausel erscheint insoweit nur als "Zugabe", die aus Sicht der Gemeinde die letzten Hindernisse für eine vertragliche Regelung beseitigen sollte.
51Die Charakterisierung der "Freistellungsvereinbarung" als solche gleichsam "überobligationsmäßige" Leistung der Gemeinde hat auch den Hintergrund der damaligen Gesetzeslage für sich. Nach § 15 Abs. 1 Satz 1 PrFlG konnte den an eine neu anzule- gende Straße angrenzenden Eigentümern durch Ortsstatut u.a. auferlegt werden, bei Errichtung von Gebäuden an der neuen Straße die Freilegung der Straße zu "beschaffen", was auch die Übereignung des Straßenlandes an die Gemeinde umfaßte.
52Vgl. zu letzterem: von Strauß und Torney/Saß, a.a.O., S. 241 m.w.N.
53Eine solche Verpflichtung traf die angrenzenden Eigentümer hinsichtlich der Hälfte der Straßenbreite, soweit diese 26 m nicht überstieg. Hiernach hätte die Gemeinde nach Erlaß entsprechenden Ortsrechts von der früheren Eigentümerin der Parzellen 117 und 118 mit dem Beginn der Bebauung die Übereig- nung des zwischen diesen Flurstücken verlaufenden Straßenlan- des für jede Straßenhälfte, mithin die vollständige Übereig- nung des Flurstücks 116 ohne weitere Gegenleistung verlangen können.
54Vgl. dazu erneut: von Strauß und Torney/Saß, a.a.O., S. 242 (2. Absatz) m.w.N.
55Einer Auslegung des im Jahre 1955 geschlossenen Vertrages dahin, daß die Freistellungsklausel den erst 1992/93 erfolgten Ausbau der " straße-Nord" nicht einschließt, steht auch die in den Parallelverfahren 3 A 3613/96, 3 A 3614/96 und 3 A 3621/96 vorgelegte Bescheinigung des Beklagten vom 30. Oktober 1969 nicht durchgreifend entgegen. Dort wird zwar zugunsten eines früheren Eigentümers des (aus der Altparzelle 118 hervorgegangenen) Grundstücks Nr. 412 (Teilstück) erklärt, die Grundstücksfläche liege an einer öffentlichen Straße, für die Erschließungsbeiträge gemäß § 128 Abs. 1 BBauG nicht erho- ben werden, sondern nur noch nicht absehbare Beiträge nach dem Kommunalabgabengesetz für spätere Erweiterungen oder Verbesse- rungen. Die Bescheinigung ist jedoch auf einem Formularmuster und mit einem Inhalt erteilt worden, wie sie für sogenannte Finanzierungsbescheinigungen anläßlich der Beleihung eines Baugrundstücks üblich waren. Dies, der große zeitliche Abstand zwischen der Freistellungsvereinbarung im Jahre 1955 und der Erteilung der Bescheinigung im Jahre 1969 sowie das Fehlen ei- ner Bezugnahme der Bescheinigung auf die Freistellungsverein- barung verbieten es indessen, aus dem Bescheinigungsinhalt verläßliche Rückschlüsse auf den Willen der Vertragsparteien im Jahre 1955 zu ziehen.
56Sofern die späteren Erwerber des Baulandes - in Verkennung der dargelegten rechtlichen Reichweite der "Freistellungsklau- sel" - darauf vertraut haben sollten, keine Erschließungsbei- träge für die straße mehr zahlen zu müssen, kann dies gleichfalls zu keiner anderen Beurteilung führen. Denn ein solches Vertrauen hätte weder im Gesetz noch in der Vereinba- rung des Jahres 1955 eine hinreichende Grundlage.
57Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO, diejenige über die vorläufige Vollstreckbarkeit aus § 167 VwGO i.V.m. §§ 708 Nr. 10, 711 ZPO.
58Die Revision ist nicht zuzulassen, weil die Voraussetzungen hierfür nicht vorliegen (§ 132 Abs. 2 VwGO).
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