Beschluss vom Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen - 16 B 656/15
Tenor
Die Beschwerde des Antragstellers gegen die Versagung vorläufigen Rechtsschutzes in dem Beschluss des Verwaltungsgerichts Köln vom 12. Mai 2015 wird zurückgewiesen.
Der Antragsteller trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.
Der Streitwert wird auch für das Beschwerdeverfahren auf 2500,- € festgesetzt.
1
Gründe:
2Die Beschwerde hat keinen Erfolg. Die zu ihrer Begründung dargelegten Gründe, auf deren Überprüfung der Senat beschränkt ist (§ 146 Abs. 4 Satz 6 VwGO), rechtfertigen keine Änderung des angefochtenen Beschlusses.
3Das Verwaltungsgericht ist zutreffend davon ausgegangen, dass die Ordnungsverfügung des Antragsgegners vom 23. März 2015 rechtmäßig ist. Dem Antragsteller war die Fahrerlaubnis zu entziehen, weil er sich durch den Konsum von Amphetamin am 17. Dezember 2014 als ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen erwiesen hat (§ 3 Abs. 1 Satz 1 StVG und § 46 Abs. 1 FeV i. V. m. Nr. 9.1 der Anlage 4 zur Fahrerlaubnis-Verordnung). Der Antragsteller hat den Konsum von Amphetamin an diesem Tag sowohl im Verwaltungs- als auch im verwaltungsgerichtlichen Verfahren eingeräumt. Aus diesem Grund kommt es auf die Fragen, ob er am Tattag in die Entnahme einer Blutprobe eingewilligt hat, wofür aus Sicht des Senats jedenfalls die Angaben in der Verkehrsordnungswidrigkeitenanzeige vom 17. Dezember 2014 sprechen, und ob im Falle einer fehlenden Einwilligung des Antragstellers einer Verwertbarkeit der Blutprobe entgegensteht, dass ihre Entnahme nicht von einem Richter angeordnet worden ist,
4vgl. in diesem Zusammenhang OVG NRW, Beschluss vom 4. Mai 2015 - 16 B 426/15 -,
5nicht an.
6Entgegen der Auffassung des Antragstellers ist im Einklang mit der - soweit ersichtlich - einhelligen Meinung in der obergerichtlichen Rechtsprechung davon auszugehen, dass bereits der einmalige Konsum von Betäubungsmitteln im Sinne des Betäubungsmittelgesetzes (ausgenommen Cannabis) - zu denen Amphetamin nach Anlage III zu § 1 Abs. 1 BtMG zählt - die Fahreignung ausschließt.
7Vgl. etwa OVG NRW, Beschlüsse vom 6. März 2007 - 16 B 332/07 -, VRS 112 (2007), 371 = NWVBl. 2007, 232 = Blutalkohol 44 (2007), 192 = juris, Rn. 4, vom 14. August 2012 - 16 B 392/07 - und vom 30. April 2013 - 16 B 354/13 -; ebenso Saarl. OVG, Beschluss vom 12. Dezember 2005 - 1 B 191/08 -, juris, Rn. 3; Nds. OVG, Beschluss vom 8. März 2006 - 12 ME 53/06 -, Blutalkohol 43 (2006), 513 = juris, Rn. 5; Hamb. OVG, Beschluss vom 24. Januar 2007 - 3 Bs 300/06 -, VRS 112 (2007), 308 = juris, Rn. 11; VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 29. Februar 2007
8- 10 S 3032/06 -, NZV 2007, 326 = VRS 112 (2007), 375 = Blutalkohol 44 (2007) = juris, Rn. 3; OVG Berlin-Bbg., Beschluss vom 10. Juni 2009
9- 1 S 97.09 -, Blutalkohol 46 (2009), 357 = juris, Rn. 4; OVG M.-V., Beschluss vom 24. Juni 2009
10- 1 M 87/09 -, Blutalkohol 46 (2009), 360 = juris, Rn. 5; Bay. VGH, Beschluss vom 14. Februar 2012
11- 11 CS 12.28 -, juris, Rn. 9; Hess. VGH, Beschluss vom 21. März 2012 - 2 B 1570/11 -, NJW 2012, 2294 = VRS 123 (2012), 243 = juris, Rn. 6; OVG LSA, Beschluss vom 13. April 2012 - 3 M 47/12 -, juris, Rn. 6.
12Der Hinweis des Antragstellers auf § 14 Abs. 1 Satz 2 FeV rechtfertigt schon deshalb keine andere Beurteilung, weil sein diesbezügliches Vorbringen nicht über Spekulationen in Bezug darauf, welche Auswirkungen die genannte Vorschrift in Bezug auf das Verständnis der Begriffe „einnehmen“ bzw. „Konsum“ haben könnte, hinausgeht.
13Der Antragsteller kann sich auch nicht mit Erfolg darauf berufen, er habe bei der Verkehrskontrolle am 17. Dezember 2014 keine drogentypischen Auffälligkeiten aufgewiesen. Die Ungeeignetheit zum Führen von Kraftfahrzeugen folgt allein aus der vorausgegangenen Einnahme von Amphetamin ohne dass es darauf ankäme, ob bei der Fahrt mit dem Kraftfahrzeug eine Fahruntüchtigkeit oder sonstige Auffälligkeiten zutage getreten sind.
14Vgl. OVG NRW, Beschluss vom 7. November 2012
15- 16 B1127/12 -.
16Soweit der Antragsteller geltend macht, bereits seit 2004 über eine Fahrerlaubnis zu verfügen und seither mehr als eine Million Kilometer mit dem Kraftfahrzeug zurückgelegt zu haben, ohne einen Verkehrsunfall verursacht oder andere Verkehrsteilnehmer gefährdet zu haben, besagt dies nichts im Hinblick auf seine Fahreignung zum insoweit maßgeblichen Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Ordnungsverfügung.
17Vgl. zum maßgeblichen Prüfungszeitpunkt BVerwG, Urteil vom 11. Dezember 2008 - 3 C 26.07 -, BVerwGE 132, 315 = juris, Rn. 16.
18Der weitere Hinweis des Antragstellers auf sein diesbezügliches Vorbringen in der Antragsschrift (Seite 5-7) genügt schon nicht dem Darlegungserfordernis des § 146 Abs. 4 Satz 3 VwGO, weil es insoweit an jeglicher Auseinandersetzung mit den Gründen des erstinstanzlichen Beschlusses fehlt.
19Gründe für die Annahme, der Antragsteller habe zum Zeitpunkt des Erlasses der Ordnungsverfügung die zuvor aufgrund seines Amphetaminkonsums eingebüßte Fahreignung wieder erlangt, sind nicht ersichtlich. Seine Auffassung, mangels anderer Anhaltspunkte sei hiervon auszugehen, geht fehl. Die Wiedererlangung der Fahreignung setzt vielmehr den Nachweis voraus, dass der Betroffene in der Lage ist, auf jeglichen Konsum „harter“ Drogen dauerhaft zu verzichten. Hierzu ist zunächst der durch eine Mehrzahl von aussagekräftigen Drogenscreenings zu führende Nachweis eines hinreichend langen Abstinenzzeitraums erforderlich, der im Regelfall mit mindestens einem Jahr zu veranschlagen ist. Anschließend bedarf es des Nachweises, dass bezogen auf die Einnahme illegaler Drogen auf der Grundlage einer tragfähigen Motivation eine hinreichend stabile Verhaltensänderung eingetreten ist und daher für die Folgezeit eine günstige Prognose getroffen werden kann. Dieser Nachweis kann grundsätzlich nur auf der Grundlage einer medizinisch-psychologischen Begutachtung erbracht werden.
20Vgl. OVG NRW, Beschlüsse vom 6. Oktober 2006
21- 16 B 1538/06 -, juris, Rn. 4, vom 11. Juni 2010
22- 16 A 1848/09 - und vom 23. April 2012 - 16 B 392/12 -.
23Vorliegend fehlt es in dem für die Beurteilung maßgeblichen Zeitpunkt bereits an jeglichem Nachweis einer Drogenabstinenz.
24Entgegen der Auffassung des Antragstellers bedurfte es vor dem Entzug seiner Fahrerlaubnis auch keiner Anordnung eines Gutachtens zur Klärung seiner mangelnden Eignung zum Führung von Kraftfahrzeugen im Sinne von § 11 Abs. 7, § 46 Abs. 1 FeV. Denn diese ergab sich schon aus seinen eigenen Angaben. Etwas anderes folgt auch nicht aus Nr. 2 der Vorbemerkung zur Anlage 4 der Fahrerlaubnis-Verordnung. Hier heißt es zwar: „Grundlage der im Rahmen der §§ 11, 13 oder 14 vorzunehmenden Beurteilung, ob im Einzelfall Eignung oder bedingte Eignung vorliegt, ist in der Regel ein ärztliches Gutachten (§ 11 Absatz 2 Satz 3), in besonderen Fällen ein medizinisch-psychologisches Gutachten (§ 11 Absatz 3) oder ein Gutachten eines amtlich anerkannten Sachverständigen oder Prüfers für den Kraftfahrzeugverkehr (§ 11 Absatz 4).“ Diese Bestimmung ist jedoch - wie sich aus dem normativen Gesamtzusammenhang ergibt ‑ auf die Anwendungsfälle von § 11 Abs. 2, § 13, § 14, § 46 Abs. 3 FeV beschränkt, in denen Tatsachen bekannt geworden sind, die Bedenken gegen die Eignung begründen, aber noch nicht eindeutig feststeht, ob die in der Anlage 4 zur Fahrerlaubnis-Verordnung aufgeführten (oder sonstige Mängel) vorliegen oder nicht. Hingegen hat sich in Fällen, in denen der in Anlage 4 beschriebene Mangel (hier der Konsum von Amphetamin) bereits im Sinne von § 11 Abs. 7, § 46 Abs. 1 FeV feststeht, der Fahrerlaubnisinhaber als ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen erwiesen, so dass ihm - wie die zuletzt genannten Vorschriften ausdrücklich vorschreiben - die Fahrerlaubnis ohne Anordnung einer Gutachtenbei-bringung zu entziehen ist.
25Vgl. VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 7. März 2003
26- 10 S 323/03 -, Blutalkohol 40 (2003) = juris, Rn. 6; Nds. OVG, Beschluss vom 16. Juni 2003 - 172/03 -, Blutalkohol 40 (2003), 465 = juris, Rn. 4; Bay. VGH, Beschluss vom 10. Oktober 2005 - 11 CS 05.1648 -, juris, Rn. 17; VG Bayreuth, Gerichtsbescheid vom 21. April 2005 - B 1 K 04.1416 -, juris, Rn. 29; VG Braunschweig, Beschluss vom 23. Februar 2005 - 6 B 66/05 -, NJW 2005, 1816 = juris, Rn. 22; so schon im Ergebnis OVG NRW, Beschlüsse vom 2. Dezember 2008 - 16 B 1623/08 - und vom 5. Dezember 2008 - 16 A 1168/08 -; OVG M.-V., Beschluss vom 19. März 2004 - 1 M 2/04 -, VRS 107 (2004), 229 = juris, Rn. 17; Thür. OVG, Beschluss vom 11. Mai 2004 - 2 EO 190/04 -, Blutalkohol 42 (2005), 183 = juris, Rn. 36.
27Schließlich ist auch die vom Verwaltungsgericht im Übrigen vorgenommene Interessenabwägung nicht zu beanstanden. Soweit der Antragsteller darauf verweist, dass er seinen Arbeitsplatz in einem an der Autobahn A 4 gelegenen Raststättenbetrieb mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichen könne, ist das Verwaltungsgericht zu Recht davon ausgegangen, dass sich diese Interessen in der Gegenüberstellung mit dem hochrangigen öffentlichen Interesse an der Sicherheit der anderen Verkehrs-teilnehmer selbst dann nicht durchsetzen können, wenn dem Antragsteller der Ver-lust seiner wirtschaftlichen Existenzgrundlage drohen sollte.
28Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO.
29Die Streitwertfestsetzung beruht auf § 47 Abs. 1, § 52 Abs. 1 und 2 sowie § 53 Abs. 2 Nr. 2 GKG.
30Dieser Beschluss ist unanfechtbar (§ 152 Abs. 1 VwGO, § 68 Abs. 1 Satz 5, § 66 Abs. 3 Satz 3 GKG).
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