Beschluss vom Verwaltungsgericht Köln - 20 L 1658/20.A
Tenor
1. Auf den Antrag der Antragsteller wird der Beschluss des Gerichts vom 14.02.2020 im Verfahren 20 L 2654/19.A geändert und die aufschiebende Wirkung der Klage 20 K 7526/19.A gegen die Abschiebungsanordnung im Bescheid der Antragsgegnerin vom 18.12.2019 angeordnet.
Die Antragsgegnerin trägt die Kosten des Verfahrens, für das Gerichtskosten nicht erhoben werden.
2. Den Antragstellern wird Prozesskostenhilfe für das Antragsverfahren unter Beiordnung von Rechtsanwalt Kellmann aus Köln bewilligt.
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Gründe
2Wegen § 76 Abs. 5 AsylG entscheidet vorliegend die Kammer.
3Gemäß § 80 Abs. 7 Satz 1 VwGO kann das Gericht der Hauptsache jederzeit von Amts wegen oder – wie hier – auf Antrag eines Beteiligten einen Beschluss über einen Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO ändern oder aufheben.
4Die Änderung oder Aufhebung eines Beschlusses nach § 80 Abs. 5 VwGO kann ein Beteiligter nur wegen veränderter oder im ursprünglichen Verfahren ohne Verschulden nicht geltend gemachter Umstände beantragen (§ 80 Abs. 7 Satz 2 VwGO); aus neu vorgetragenen Umständen muss sich zumindest die Möglichkeit einer Abänderung der früheren Eilentscheidung ergeben. Das Abänderungsverfahren dient allein der Möglichkeit, einer nachträglichen Änderung der Sach- und Rechtslage Rechnung zu tragen. Prüfungsmaßstab für die Entscheidung ist daher allein, ob nach der jetzigen Sach- und Rechtslage die Anordnung oder Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Klage geboten ist.
5Eine in diesem Sinne beachtliche Änderung der Sach- und Rechtslage machen die Antragsteller hier geltend, indem sie sich darauf berufen, dass die Überstellungsfrist von 6 Monaten gem. Art. 29 Abs. 1 Dublin III-VO nunmehr abgelaufen ist.
6Derzeit können die Erfolgsaussichten in der Hauptsache indes nicht beurteilt werden. Es lassen sich weder ernstliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit verneinen noch kann die offensichtliche Rechtmäßigkeit des Verwaltungsakts bejaht werden.
7Es besteht indes eine für die Annahme eines überwiegenden Interesses der Antragsteller an der aufschiebenden Wirkung der Klage hinreichende Möglichkeit, dass die Voraussetzungen für die angefochtene Abschiebungsanordnung nach § 34a Abs. 1 Satz 1 AsylG nicht mehr vorliegen.
8Es kann derzeit nicht mit hinreichender Sicherheit festgestellt werden, dass Frankreich weiterhin für die Durchführung des Asylverfahrens der Antragsteller zuständig ist. Diese Zuständigkeit könnte gem. Art. 29 Abs. 2 Dublin III-VO dadurch auf die Antragsgegnerin übergegangen sein, dass die Frist des Art. 29 Abs. 1 Dublin III-VO verstrichen ist, ohne dass die Antragsteller nach Frankreich überstellt wurden. Die Überstellungsfrist wird nach der ablehnenden Entscheidung über den Antrag des vorläufigen Rechtsschutzes neu in Lauf gesetzt,
9vgl. BVerwG, Urt. v. 26.05.2016 – 1 C 15.15; Beschl. v. 22.08.2016 – 1 B 95.16, beide Juris.
10Die hier maßgebliche Frist begann für alle Antragsteller (erneut) am 17.02.2020. An diesem Tag wurde den Prozessbevollmächtigten der Antragsteller der ablehnende Beschluss vom 14.02.2020 im Verfahren 20 L 2654/19.A zugestellt.
11Ob die Überstellungsfrist sechs Monate nach dem 17.02.2020, also mit Ablauf des 17.08.2020 endete, dürfte nach gegenwärtigem Sach- und Streitstand davon abhängen, ob die Überstellungsfrist durch die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erklärte Aussetzung der Vollziehung mit Schreiben vom 26.03.2020 an die Prozessbevollmächtigten der Antragsteller unterbrochen wurde und erst mit dem Widerruf der Aussetzungsentscheidungen (Schreiben vom 16.06.2020 an die Prozessbevollmächtigten der Antragsteller) neu in Gang gesetzt wurde.
12Diese Frage wird in der Instanzrechtsprechung unterschiedlich beantwortet.
13Vgl. einerseits (keine rechtlich relevante Unterbrechung) VG Köln, Beschl. v. 26.08.2020 – 14 L 1419/20.A; VG Würzburg, Urt. v. 11.08.2020 – W 8 K 19.50795; VG Kassel, Beschl. v. 27.07.2020 – 1 L 3056/18.KS.A; VG Ansbach, Beschl. v. 23.07.2020 – AN 17 E 20.50215; VG Gelsenkirchen, Urt. v. 13.07.2020 – 2a K 5573/19.A; OVG Schleswig, Beschl. v. 09.07.2020 – 1 LA 120/20VG; VG Aachen, Urteile vom 08.07.2020 – 7 K 436/19.A – und vom 10.06.2020 – 9 K 2584/19.A; VG München, Urt. v. 07.07.2020 – M 2 K 19.51274
14und andererseits (Unterbrechung bejaht) VG Düsseldorf, Urt. v. 21.07.2020 – 22 K 8760/18.A; VG Cottbus, Beschl. v. 04.08.2020 – 5 L 327/20.A; VG Berlin, Beschl. v. 16.07.2020 – 28 L 203/20.A, alle Juris.
15Vom VG Düsseldorf zugelassene Sprungrevisionen zu dieser Frage sind beim BVerwG unter den Az. 1 C 42.20 und 1 C 43.20 anhängig.
16Vgl. VG Düsseldorf Beschl. v. 13.08.2020 – 22 L 1466/20 – BeckRS 2020, 20100.
17Die damit verbundenen Unsicherheiten hinsichtlich des Ausgangs des Hauptsacheverfahrens sind zwingend in die Abwägung des Bleibeinteresses des jeweiligen Antragstellers mit dem öffentlichen Vollzugsinteresse einzubeziehen.
18Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 1 VwGO und § 83b AsylG.
19Dieser Beschluss ist unanfechtbar (§ 80 AsylG).
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