Urteil vom Oberverwaltungsgericht Mecklenburg-Vorpommern (3. Senat) - 3 K 20/10

Tenor

Der Antrag wird zurückgewiesen.

Der Antragsteller zu 1 trägt 1/10, die Antragstellerin zu 2 trägt 9/10 der Kosten des Verfahrens.

Das Urteil ist im Kostenpunkt vorläufig vollstreckbar. Der Antragsteller zu 1 bzw. die Antragstellerin zu 2 kann jeweils die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe der vom Gericht festgesetzten Kosten abwenden, wenn nicht die Antragsgegnerin vorher Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

Die Revision wird nicht zugelassen.

Tatbestand

1

Die Antragsteller sind eine Wohnungseigentümergemeinschaft der Immobilie Ludwigsluster Chaussee 48 – 66 (Flurstück 5/2 der Flur 4 Gemarkung Krebsförden) in Schwerin (Antragstellerin zu 2) und eines ihrer Mitglieder, das jene zugleich vertritt (Antragsteller zu 1). Dem Antragsteller zu 1 gehören zwei von insgesamt 63 Wohnungen. Sie wenden sich gegen den Bebauungsplan der Antragsgegnerin „Neue Gartenstadt - Mettenheimer Straße“ (Bebauungsplan Nr. 35.05). Die Immobilie der Antragsteller liegt mit einem geringen Umfang innerhalb des Plangebiets.

2

Der Bebauungsplan 35.05 sieht vor, die Mettenheimer Straße, die von der Hagenower Straße abzweigt und bislang in Höhe des Blocks Nr. 12-14 endete, als Planstraße A aufzuweiten und bis zur Ludwigsluster Chaussee zu verlängern. Die Baufelder nördlich der Mettenheimer Straße sind entlang der Straße als Mischgebiet und im rückwärtigen Bereich als Allgemeines Wohngebiet festgesetzt. Die Verlängerung der Mettenheimer Straße zur Ludwigsluster Chaussee soll zum Teil über das Grundstück der Antragsteller führen. Die Flächen südlich der Mettenheimer Straße liegen außerhalb des Plangebiets.

3

Am 25.10.2004 beschloss die Stadtvertretung der Antragsgegnerin das „Verkehrskonzept für das Wohn- und Gewerbegebiet des Ortsteils Haselholz“ vom 1.7.2004. Hier wird zur Mettenheimer Straße ausgeführt: Mit der Erschließung der weiteren Bauabschnitte der Neuen Gartenstadt mache sich eine durchgehende Verbindung zur Mettenheimer Straße erforderlich. Der wohngebietsfremde Verkehr sei unter Berücksichtigung des ansässigen Gewerbes durch geeignete Maßnahmen weitgehend auf die Ludwigsluster Chaussee zu lenken. Diesem Zweck diene sehr wesentlich der durchgängige Ausbau der Mettenheimer Straße bis an die Ludwigsluster Chaussee. Die erforderliche Verlängerung der Haselholzstraße zur Mettenheimerstraße werde in die verkehrsberuhigte Zone einbezogen. Des Weiteren sei eine für das ansässige Gewerbe unschädliche Verringerung der Verkehrsmengen auf der Hagenower Straße dadurch zu erreichen, dass die bislang noch nicht auf voller Länge hergestellte Mettenheimer Straße an die Ludwigsluster Chaussee angeschlossen werde. Durch diese Maßnahme würde ein Teil des Anliegerverkehrs des Gewerbegebietes nicht mehr das Wohngebiet belasten, sondern die Zu- und Abfahrt über die Ludwigsluster Chaussee nutzen. Im Ergebnis der Abwägung der Interessen sowohl der Anwohner als auch der Gewerbetreibenden werde vorgesehen (1) die Lärmreduzierung durch Umbau des Fahrbahnbelages in der Hagenower Straße zu bewirken, (2) einen bestimmten Anteil des Anliegerverkehrs durch den Anschluss der Mettenheimer Straße an die Ludwigsluster Chaussee auf diese zu lenken und (3) den verbleibenden, für die Gewerbebetriebe existenziell wichtigen Kfz-Verkehr auf der Hagenower Straße zu belassen. Plan 3 des Verkehrskonzepts stellt die geplante Verbindung der bisherigen Sackgasse Mettenheimer Straße an die Ludwigsluster Chaussee dar.

4

Unter dem 15.05.2007 erstellte der TÜV Nord – Umweltschutz – eine schalltechnische Untersuchung zum Bebauungsplan „Neue Gartenstadt - Mettenheimer Straße/3.BILA“. Bei der Untersuchung ging man hinsichtlich der Mettenheimer Straße davon aus, dass die südlich liegenden Freiflächen im Flächennutzungsplan als Wohnbauflächen ausgewiesen und als Außenbereich zu werten sind. Als vorausgesetzte Plankonzeption ist vorgesehen, dass die Mettenheimer Straße, die bis zu diesem Zeitpunkt als Sackgasse endete, bis zur Ludwigsluster Chaussee herangeführt wird und somit eine Verbindung zwischen dieser und der Hagenower Straße bildet. Das Gutachten setzt keine Immissionspunkte im Bereich der Wohnungen der Antragsteller. Es kommt hinsichtlich des nächstgelegenen IP 05 in dem Baufeld, dass unmittelbar an die Mettenheimer Straße in Höhe der angesprochenen südlich gelegenen Fläche angrenzt, zu dem Ergebnis, dass weder beim Erdgeschoss noch beim ersten oder zweiten Obergeschoss Werte für Straßenlärm von 51,2/41,8 dB(A); Schienenlärm von 34,0/29,8 dB(A) und als Gesamtpegel von 52/43 dB(A) überschritten werden. Damit würden die Orientierungswerte für allgemeine Wohngebiete und Mischgebiete von 52 dB(A) tags und 43 dB(A) eingehalten.

5

Im Juni 2007 führte die Antragsgegnerin als frühzeitige Bürgerbeteiligung eine Versammlung mit 17 Bürgerinnen und Bürgern durch. In dem Protokoll hierüber wird festgehalten, dass die Herstellung einer durchgehenden Verbindung der Mettenheimer Straße von der Hagenower bis zur Ludwigsluster Chaussee aus Sicht aller Veranstaltungsteilnehmer eines der wichtigsten Planziele sei. Insbesondere der erste Bauabschnitt der Gartenstadt verzeichne derzeit nicht unerheblichen Durchgangsverkehr von der Ludwigsluster zur Hagenower Chaussee. Dieser könnte zukünftig über die Mettenheimer Straße geleitet werden.

6

Am 06.11.2007 beschloss die Stadtvertretung der Antragsgegnerin die öffentliche Auslegung des Planentwurfs. In der Begründung des Entwurfs wird ausgeführt: Planungsanlass sei die beabsichtigte städtebauliche Entwicklung derzeit brachliegender Flächen. Das Plangebiet sei Bestandteil der bis 1993 militärisch genutzten Konversionsfläche Gartenstadt/Haselholz. Dieses ca. 50 ha große Areal werde in vier Abschnitte unterteilt, deren Entwicklung sich auf der Grundlage separater Bebauungsplanverfahren gestaltete. Mit den Bebauungsplänen „Neue Gartenstadt Schwerin“ und „Neue Gartenstadt – Mitte“ würden die ersten beiden Teilabschnitte städtebaulich entwickelt. Nunmehr solle auch das Areal des so genannten 3. Bauabschnittes einer neuen Nutzung zugeführt werden. Ziel der Planung sei die Entwicklung eines allgemeinen Wohngebietes mit Einzel-, Doppel- bzw. Reihenhäusern. Im südlichen Bereich des Plangebietes sollten Stadthäuser entstehen. Darüber hinaus sei entlang der Mettenheimer Straße beabsichtigt, straßenbegleitend eine kombinierte Wohn- und Gewerbenutzung als Mischgebietsfläche zu entwickeln, die auch als Erweiterungsfläche für das Technologie- und Gewerbezentrum dienen könne. In diesem Zuge solle die Mettenheimer Straße entlang des Plangebietes fortgeführt und an die Ludwigsluster Chaussee angeschlossen werden. Zukünftig erfolge die Hauptverkehrserschließung über die geplante Verlängerung der Mettenheimer Straße. Dadurch sei die Anbindung an die Ludwigsluster Chaussee und die Hagenower Chaussee gegeben. An der nördlichen Plangebietsgrenze ende die Haselholzstraße. Diese solle bis zur Mettenheimer Straße fortgeführt werden. Das im Oktober 2004 von der Stadtvertretung beschlossene Verkehrskonzept für das Wohn- und Gewerbegebiet des Ortsteils Haselholz beinhalte die planerische Zielstellung zur Führung der Haselholzstraße als durchgehende Verbindung über alle Bauabschnitte der Neuen Gartenstadt bis zur Mettenheimer Straße sowie den durchgängigen Ausbau der Mettenheimer Straße mit Anschluss an die Ludwigsluster Chaussee. Der Anschluss der Mettenheimer Straße an die Ludwigsluster Chaussee erfolge mit dem Ziel, die Wohnbereiche der Gartenstadt und insbesondere die Hagenower Straße von Durchgangsverkehr zu entlasten. Wohngebietsfremder Verkehr solle so auf die Ludwigsluster Chaussee und damit auf das übergeordnete Straßennetz gelenkt werden. Die Ludwigsluster Chaussee verfüge über ausreichend Reserven um zusätzlichen Verkehr aufzunehmen. Mit der Herstellung der durchgehenden Befahrbarkeit von der Ludwigsluster Chaussee zur Hagenower Chaussee werde eine verkehrsgünstige Alternative zur bislang ausschließlichen Nutzung der Hagenower Straße durch gebietsfremden Verkehr geschaffen.

7

Der Projektentwickler, die HFR Grundbesitz GmbH, trage auf der Grundlage eines städtebaulichen Vertrags den überwiegenden Teil der Erschließungskosten. Einer Sonderregelung unterliege die Herstellung der Mettenheimer Straße. Da das für den Anschluss an die Ludwigsluster Chaussee benötigte Teilgrundstück noch in Privateigentum stehe und die notwendige Flächenverfügbarkeit dieses Teilstücks kurzfristig nicht hergestellt werden könne, sei vorgesehen, die Herstellung der Mettenheimer Straße unter Nutzung von Fördermitteln aus dem städtischen Haushalt zu finanzieren. Der zum Anschluss der Mettenheimer Straße benötigte Grundstücksteil befinde sich im Eigentum der Eigentümergemeinschaft Ludwigsluster Chaussee 48 – 66 . Im Zuge der Planrealisierung solle dieses Grundstück zu Gunsten der Landeshauptstadt Schwerin angekauft werden.

8

Die öffentliche Auslegung wurde im Stadtanzeiger der Landeshauptstadt Schwerin vom 23.11.2007 bekannt gemacht. Der Geltungsbereich ist im Lageplan, der in der Veröffentlichung abgebildet ist, eingezeichnet. In der Veröffentlichung wird auf folgendes hingewiesen:

9

„Während der Auslegungsfrist können Stellungnahmen zum Entwurf schriftlich oder während der Dienststunden zur Niederschrift abgegeben werden. Es wird auf folgendes hingewiesen. Nicht fristgerecht abgegebene Stellungnahmen können bei der Beschlussfassung über den Bebauungsplan unberücksichtigt bleiben. Ein Antrag nach § 47 der Verwaltungsgerichtsordnung ist unzulässig, soweit mit ihm Einwendungen geltend gemacht werden, die vom Antragsteller im Rahmen der Auslegung nicht oder verspätet geltend gemacht wurden, aber hätten geltend gemacht werden können. Umweltbezogene Informationen sind im Rahmen der für den Bebauungsplan erarbeiteten Gutachten zur Eingriffs- und Ausgleichsbilanz, zur schalltechnischen Untersuchung, zur Bewertung von Altlasten, deren Sanierung bzw. Sicherung sowie im Verkehrskonzept Haselholz verfügbar“.

10

In der Bekanntmachung sind des weiteren die Öffnungszeiten und die Adresse angegeben, wo der Entwurf des Bebauungsplanes eingesehen werden kann.

11

Die öffentliche Auslegung dauerte vom 03.12.2007 bis 08.01.2008.

12

Auf diese Bekanntmachung sind keine Stellungnahmen von Bürgerinnen und Bürgern eingegangen, auch nicht der beiden Antragsteller.

13

Am 07.07.2008 fasste die Stadtvertretung der Antragsgegnerin den Beschluss über die Stellungnahmen. In ihm werden Stellungnahmen des Wasser- und Bodenverbandes „Schweriner See/Obere Sude“, der Nahverkehr Schwerin GmbH und des Ortsbeirates Gartenstadt/Ostorf behandelt.

14

Am 03.03.2009 beschloss die Stadtvertretung der Antragsgegnerin, das Verfahren zur Änderung des Flächennutzungsplans (11. Änderungsverfahren) einzuleiten. Dieser Beschluss wurde am 12.06.2009 öffentlich bekannt gemacht.

15

Mit Schreiben vom 24.08.2009 leitete die Antragsgegnerin die frühzeitige Behörden- und öffentliche Trägerbeteilung hinsichtlich der 11. Änderung des Flächennutzungsplans und der Bebauungspläne 63-09/1 „Bau-, Heimwerker- und Gartenmarkt“ sowie 63.09/2 „Möbelmarkt – Am Haselholz“ ein.

16

Das Änderungsverfahren zum Flächennutzungsplan ist bislang nicht weiter geführt worden, ebenso wenig das der Bebauungspläne.

17

Am 07.12.2009 beschloss die Stadtvertretung der Antragsgegnerin die Satzung über den streitbefangenen Bebauungsplan 35.05. Die Satzung wurde am 03.02.2010 ausgefertigt. Der Satzungsbeschluss wurde im Stadtanzeiger vom 05.02.2010 öffentlich bekannt gemacht.

18

Bereits am 22.09.2008 hatte die Antragsgegnerin die Anordnung eines Umlegungsverfahrens getroffen und den entsprechenden Umlegungsbeschluss gefasst. Hiergegen wandte sich der Antragsteller zu 1 mit dem Vortrag, die Verlängerung der Mettenheimer Straße sei für das im Bebauungsplan 35.05 vorgesehene Wohngebiet nicht erforderlich. Der Bebauungsplan sei unwirksam. Widerspruch, Klage vor dem LG Schwerin (4 O 227/09) sowie Berufung vor dem OLG Rostock (13 U 1/10) blieben ohne Erfolg.

19

Am 12.08.2010 hat der Antragsteller zu 1 Normenkontrollklage erhoben, am 25.11.2010 die Antragstellerin zu 2. Zur Begründung ihrer Anträge tragen sie vor, der Bebauungsplan leide an Rechtsfehlern und sei daher unwirksam. Die Antragsgegnerin habe bei der Aufstellung des streitbefangenen Bebauungsplanes nicht die parallel von ihr betriebene 11. Änderung des Flächennutzungsplans für das südlich angrenzende Gebiet und die Aufstellung der Bebauungspläne 63-09/1 „Bau-, Heimwerker- und Gartenmarkt“ sowie 63.09/2 „Möbelmarkt – Am Haselholz“ einbezogen, sondern bewusst ausgeblendet. Außerdem sei ihr Grundstück zu einem wesentlichen Teil bewusst nicht in das Planungsgebiet einbezogen worden. Im Einzelnen führen sie aus:

20

In der Begründung des Bebauungsplanes sei davon ausgegangen worden, dass die Fläche südlich der Mettenheimer Straße Außenbereich sei. Tatsächlich sei für diese Fläche in der 11. Änderung des Flächennutzungsplanes vorgesehen, dort ein Sondergebiet auszuweisen. Die neu zu bauende Mettenheimer Straße solle dieses Gewerbegebiet erschließen. Für die Erschließung des Plangebietes 35.05 sei der Bau der Mettenheimer Straße nicht erforderlich. Im Rahmen der allgemeinen Planung sei durch die Antragsgegnerin ein Umlegungsverfahren initiiert worden, das faktisch lediglich den Bereich des Grundstücks der Antragsteller an der Ludwigsluster Chaussee betreffe. Ziel dieses Umlegungsverfahrens sei es, die Voraussetzungen für den Bau der geplanten Durchgangsstraße Mettenheimer Straße zu schaffen. Durch diese Maßnahmen komme es zu einer ungleichen Lastenverteilung im Zuge der dem angrenzenden Gewerbegebiet dienenden neu anzulegenden Mettenheimer Straße. Es stelle einen schwerwiegenden Abwägungsfehler dar, dass die Planungen für das angrenzende Gewerbegebiet nicht parallel zur Aufstellung des angegriffenen Bebauungsplanes erfolgten, vielmehr bewusst das schon konkrete Konzept für das angrenzende Gewerbegebiet in der gesamten Planung ausgeblendet worden sei. Es habe bereits im Jahre 2008 konkrete Planungsvorstellungen zur Ansiedlung eines Bau-, Heimwerker- und Gartenmarkts mit 1000 m² Verkaufsfläche gegeben. Die beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Antragsgegnerin könnten dies als Zeugen bestätigen.

21

Diese Planungen seien auch im Jahre 2008 durch die Bebauungsplanverfahren 63-09/1 „Bau-, Heimwerker- und Gartenmarkt“ sowie 63.09/2 „Möbelmarkt – Am Haselholz“ vorangetrieben worden.

22

Die Antragsteller beantragen,

23

den Bebauungsplan der Antragsgegnerin Nr. 35.05 „Neue Gartenstadt“ Mettenheimer Straße“ für unwirksam zu erklären.

24

Die Antragsgegnerin beantragt,

25

den Antrag zurückzuweisen.

26

Sie hält den Normenkontrollantrag bereits gemäß § 47 Abs. 2a VwGO für unzulässig. Die Antragsteller hätten während der öffentlichen Auslegung des Planes keinerlei Einwendungen vorgetragen, obwohl ihnen das möglich gewesen wäre. Sie könnten sich nicht darauf berufen, dass ihnen zur Zeit der Auslegung des Bebauungsplans die relevanten Tatsachen nicht bekannt gewesen seien. Bereits im Juni 2006, also 1 ½ Jahre vor der öffentlichen Auslegung, sei im Rahmen der frühzeitigen Bürgerbeteiligung die Öffentlichkeit über den Anschluss der Mettenheimer Straße an die Ludwigsluster Chaussee informiert worden. Der Planbegründung entsprechend sei von einer Wohn- und Gewerbenutzung die Rede, in deren Zuge die Mettenheimer Straße an die Ludwigsluster Chaussee angeschlossen werden solle. In der Begründung sei ferner dargelegt worden, dass die zukünftige Hauptverkehrserschließung über die Verlängerung der Mettenheimer Straße erfolgen solle.

27

Der Normenkontrollantrag sei auch unbegründet. Die Antragsteller hätten keine Abwägungsfehler dargelegt. Insbesondere hätten sie keine Beeinträchtigung durch erhöhten Verkehrslärm vorgetragen. Eine substantiierte Darlegung wäre hier auch nicht möglich gewesen. Ausweislich der Begründung des Bebauungsplanes solle die Mettenheimer Straße nach ihrer Verlängerung die Hagenower Straße entlasten. Es gehe also nicht um eine Mehrbelastung des Wohngebietes der Antragsteller, sondern im Gegenteil um eine Entlastung und Verkehrsberuhigung des Gebietes. Entsprechend gehe auch das Lärmschutzgutachten des TÜV-Nord aus dem Jahre 2007 von der Verlängerung der Mettenheimer Straße aus.

28

Für die 11. Änderung des Flächennutzungsplanes existiere bislang nur ein Einleitungsbeschluss. Der Ausgang des Änderungsverfahrens sei derzeit offen. Gleiches gelte für die Bebauungsplanverfahren 63-09/1 „Bau-, Heimwerker- und Gartenmarkt“ sowie 63.09/2 „Möbelmarkt – Am Haselholz“.

29

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf die Gerichtsakte und die des Verfahrens LG Schwerin (4 O 227/09) sowie des OLG Rostock (13 U 1/10) und die beigezogenen Verwaltungsvorgänge der Antragsgegnerin Bezug genommen; sie sind Gegenstand der mündlichen Verhandlung gewesen.

Entscheidungsgründe

30

Der Antrag ist unzulässig. Ihm steht § 47 Abs. 2 a VwGO entgegen. Nach dieser Vorschrift ist ein gegen einen Bebauungsplan gerichteter Normenkontrollantrag unzulässig, wenn die den Antrag stellende Person nur Einwendungen geltend macht, die sie im Rahmen der öffentlichen Auslegung (§ 3 Abs. 2 BauGB) oder im Rahmen der Beteiligung der betroffenen Öffentlichkeit (§ 13 Abs. 2 Nr. 2 und § 13 a Abs. 2 Nr. 1 BauGB) nicht oder verspätet geltend gemacht hat, aber hätte geltend machen können und wenn auf diese Rechtsfolge im Rahmen der Beteiligung hingewiesen worden ist.

31

Die Rechtsfolge der formellen Präklusion des § 47 Abs. 2 a VwGO setzt neben dem Hinweis auf den Einwendungsausschluss in der Bekanntmachung der Auslegung voraus, dass diese Bekanntmachung ihrerseits formell und materiell fehlerfrei ist und auch die öffentliche Auslegung des Planentwurfs ordnungsgemäß durchgeführt worden ist (vgl. BVerwG, U. v. 18.11.2010 - 4 CN 3.10 - juris Rdnr. 14 und 15).

32

Eine ordnungsgemäße Belehrung war der Bekanntmachung der Auslegung beigefügt. Die Gemeinden brauchen bei ihren Belehrungen nicht den Wortlaut des § 47 Abs. 2 a VwGO zu verwenden. Sie können sich auch an § 3 Abs. 2 Satz 2 Halbs. 2 BauGB orientieren (BVerwG, U. v. 27.10.2010 - 4 CN 4/09 - NVwZ 2011, 309, juris Rn. 18). Indem die Antragsgegnerin darüber belehrt hat, dass der Antrag nach § 47 VwGO (gegen den Bebauungsplan) unzulässig ist, soweit mit ihm Einwendungen geltend gemacht werden, die vom Antragsteller im Rahmen der Auslegung nicht oder verspätet geltend gemacht wurden, aber hätte geltend gemacht werden können, hat sie sich an § 3 Abs. 2 Satz 2 Halbs. 2 BauGB angelehnt. Die Antragsteller haben im übrigen einen - beachtlichen - Verstoß gegen die Bekanntmachungsvorschrift des § 3 Abs. 2 Satz 2 BauGB nicht geltend gemacht. Ein solcher Verstoß ist auch nicht erkennbar.

33

Die Präklusionswirkung ist gegenüber den Belangen, die die Antragsteller zur Darlegung ihrer Antragsbefugnis darlegen, eingetreten.

34

§ 47 Abs. 2a VwGO verlangt für die Zulässigkeit des Normenkontrollantrags grundsätzlich nur, dass der Antragsteller bei der Planaufstellung überhaupt rechtzeitig Einwendungen erhebt und jedenfalls eine dieser Einwendungen im Normenkontrollverfahren geltend macht. Er ist nicht gehindert, sich im Normenkontrollverfahren auch auf solche Einwendungen zu berufen, die er zuvor nicht geltend gemacht hat (BVerwG, U. v. 24.03.2010 - 4 CN 3.09 - BauR 2010, 1051, juris Rn. 14). Hier haben die Antragsteller überhaupt keine Einwendungen erhoben. Die zur Antragsbegründung geltend gemachten Belange der Auswirkungen der Verlängerung der Mettenheimer Straße zur Ludwigsluster Chaussee auf der Grundlage der Planung des streitbefangenen Bebauungsplans, namentlich die Inanspruchnahme einer Teilfläche ihres Grundstücks und - behaupteter – Lärmimmissionen sowie die vorgetragenen Bedenken gegen die Erforderlichkeit der Planung waren aus der Begründung der ausgelegten Fassung des Bebauungsplans ersichtlich. Ein Normenkontrollantrag ist auch dann nach § 47 Abs. 2a VwGO unzulässig, wenn es sich um Einwendungen handeln sollte, die sich der planenden Gemeinde nach Lage der Dinge – was hier allenfalls hinsichtlich der Inanspruchnahme des Grundstücks der Fall sein dürfte - aufdrängen mussten (BVerwG, U. v. 18.11.2010 - 4 CN 3/10 - BauR 2011, 490, juris Rn.9).

35

Die Antragsteller haben im Beteiligungsverfahren auch nicht den nun geltend gemachten, aber auch im Gerichtsverfahren nicht näher begründeten Belang vorgetragen, das Plangebiet des streitbefangenen Bebauungsplans hätte auch ihr Grundstück erfassen müssen.

36

Die Festlegung des Plangebiets unterliegt der Abwägungsentscheidung der Gemeinde i.S.v. § 1 Abs. 7 BauGB. Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. B. v. 20.11.1995 - 4 NB 23.94 - BRS 57 Nr. 3; U. v. 13.4.2004 - 4 CN 1.03 - BRS 67 Nr. 51; B. v. 27.6.2007 - 4 BN 18.07 - BRS 71 Nr. 36) ist es in erster Linie Sache der planenden Gemeinde, den Planumriss zu bestimmen. Es ist Teil ihres Planungsermessens, ob sie überhaupt plant und in welchem räumlichen Umfang sie das tut. Der Umriss eines Planes wird durch die städtebaulichen Absichten bestimmt, die sich eine Gemeinde in freier Entscheidung zum Ziel setzen darf. Das richtet sich nach objektiven städtebaulichen Gesichtspunkten und hat ein privater Dritter grundsätzlich hinzunehmen. Der Wunsch eines Eigentümers, seine Flächen doch in den Planbereich einbezogen zu sehen, ist kein Belang, den die Gemeinde bei der Planaufstellung und Bestimmung des Planumrisses berücksichtigen muss (OVG Lüneburg, B. v. 13.04.2011 - 1 MN 30/11, zit. nach juris). Soweit die Antragsteller geltend machen wollen, die Bewältigung der behaupteten Lärmkonflikte für ihr Grundstück erfordere dessen Einbeziehung, trifft dies nicht zu. Auch ohne dass der Bebauungsplan für dieses Grundstück Festsetzungen enthält, mussten nach dem Gebot der Konfliktbewältigung die Auswirkungen der benachbarten Planung berücksichtigt werden. Gerade daraus leitet sich die Antragsbefugnis von Personen her, denen ein Grundstück außerhalb des Plangebiets gehört.

37

Die Antragsteller machen allerdings weiter geltend, sie hätten erst nach der Öffentlichkeitsbeteiligung erkennen können, dass eine andere Planung für die südlich der Mettenheimer Straße liegenden Nachbarflächen vorgesehen sei und dadurch sie in eigenen abwägungserheblichen Belangen bei der Aufstellung des streitbefangenen Bebauungsplans betroffen seien. Dieses Vorbringen könnte die Frage aufwerfen, ob § 47 Abs. 2 a VwGO auch dann eingreift, wenn der Satzungsbeschluss erst längere Zeit (hier vom 08.01.2008 bis 07.12.2009) nach der Öffentlichkeitsbeteiligung gefasst wird und sich während dieser Zeit erst durch eine Veränderung der Sach- und Rechtslage eine Betroffenheit im Sinne des § 47 Abs. 2 VwGO in Form eines abwägungserheblichen Belangs ergeben hat, ohne dass der Planentwurf im Sinne des § 4 a Abs. 3 S. 1 BauGB verändert worden ist (dazu BVerwG, B. v. 08.03.2010 - 4 BN 42/09 - NVwZ 2010, 777).

38

Insoweit könnte ein Fall vorliegen, in dem es an der Voraussetzung fehlt, dass die Antragsteller ihre Belange geltend machen konnten. Diese Frage bedarf nicht der umfassenden Klärung. Eine Berücksichtigung solcher verspätet vorgebrachter Gesichtpunkte setzt in jedem Fall voraus, dass gewissermaßen nachträglich sich überhaupt ein abwägungserheblicher Belang ergeben hat. Dies ist hier nicht der Fall, so dass auch unentschieden bleiben kann, ob nur ein eigener Belang des jeweiligen Antragstellers oder auch objektive Belange die Präklusionswirkung ausschließen könnten.

39

Es fehlt an der Voraussetzung, dass die Planungsstände der 11. Änderung des Flächennutzungsplans für die südlich der Mettenheimer Straße gelegenen Flächen und der Bebauungsplanverfahren 63-09/1 „Bau-, Heimwerker- und Gartenmarkt“ sowie 63.09/2 „Möbelmarkt – Am Haselholz“ für den streitbefangenen Bebauungsplan zum maßgebenden Zeitpunkt der Satzungsentscheidung zu berücksichtigende Belange begründet haben.

40

In der planerischen Abwägung sind neben dem Grundeigentum im Plangebiet auch die Rechtspositionen und privaten Belange Dritter zu berücksichtigen, deren Grundeigentum zwar außerhalb der Plangrenzen, jedoch in der Nachbarschaft des Plangebiets liegt und mehr als geringfügigen belastenden Einwirkungen der durch den Plan ermöglichten Nutzungen ausgesetzt sein wird (BVerwG, U. v. 21.03.2002 - 4 CN 14.00 - BVerwGE 116, 144, 149 m.w.N.). Belange, auch solche, die ihr bekannt sind, muss die Gemeinde in der Abwägung nur berücksichtigen, wenn sie in der konkreten Planungssituation einen städtebaulich relevanten Bezug haben. Nicht abwägungsbeachtlich sind insbesondere geringwertige oder mit einem Makel behaftete Interessen sowie solche, auf deren Fortbestand kein schutzwürdiges Vertrauen besteht oder solche, die für die Gemeinde bei der Entscheidung über den Plan nicht erkennbar waren (BVerwG, U. v. 24.09.1998 - 4 CN 2.98 - BVerwGE 107, 215, 217 ff.).

41

Grundsätzlich erscheint es denkbar, dass Darstellungen im Flächennutzungsplan für benachbarte Grundstücke, die nicht im Bebauungsplangebiet liegen, so dass § 8 BauGB nicht eingreift, oder Festsetzungen in benachbarten Bebauungsplangebieten abwägungserhebliche Belange begründen können. Die Steuerungskraft einzelner Darstellungen des Flächennutzungsplans hängt von der jeweiligen planerischen Grundkonzeption der Gemeinde ab, die der jeweils nachfolgende Bebauungsplan einzuhalten hat, und von ihrem Konkretisierungsgrad. Je konkreter der Flächennutzungsplan ist, umso weniger Entwicklungsspielraum bleibt der Gemeinde und umso größer ist die Aussicht auf die Übernahme der Darstellungen in den Bebauungsplan. Das gilt insbesondere dann, wenn die Gemeinde ihren Flächennutzungsplan zur Vorbereitung eines (vorhabenbezogenen) Bebauungsplans ändert, der sich bereits in der Aufstellung befindet, und eine nahezu parzellenscharfe, auf wenige Grundstücke zugeschnittene Sonderbaufläche für einen bestimmten Anlagentyp darstellt (vgl. BVerwG, U. v. 07.03.2007 - 4 BN 1/07 - NVwZ 2007, 825).

42

Dies alles setzt aber voraus, dass der Flächennutzungsplan seinerseits bereits eine solche Darstellung enthält. Ob die angesprochenen Wirkungen bereits von einem Flächennutzungsplan ausgehen können, dessen Änderung in diese Richtung noch nicht beschlossen und bekannt gemacht worden ist, etwa dann, wenn Planreife erreicht ist, kann dahinstehen. Ausgeschlossen ist dies jedenfalls dann, wenn das Aufstellungs- bzw. Änderungsverfahren des Flächennutzungsplans zum maßgebenden Zeitpunkt der Beschlussfassung über den streitbefangenen Bebauungsplan noch nicht einmal das Stadium der Offenlage und Behördenbeteiligung nach § 3 Abs. 2 BauGB erreicht hat. Hier kann nämlich angesichts der Offenheit, die die Gemeinde im Rahmen der Abwägung nach § 1 Abs. 7 BauGB und § 2 Abs. 3 BauGB über die Darstellungen des Flächennutzungsplans haben muss, nicht ein bestimmtes Ergebnis des Planverfahrens im Sinne einer sachgerechten Prognose vorausgesetzt werden, das dann als Belang in die Abwägung über den Bebauungsplan gem. § 1 Abs. 7 BauGB und § 2 Abs. 3 BauGB eingehen könnte. Bei einem solchen Vorgehen läge vielmehr eine unzulässige Bindung der Abwägung des Flächennutzungsplans durch den Bebauungsplan vor. Etwaige Konflikte, die sich aus der Darstellung des Flächennutzungsplans oder v.a. aus den Festsetzungen eines daraus entwickelten Bebauungsplans zukünftig für benachbarte Grundstücke ergeben könnten, sind – soweit sie ihrerseits abwägungserhebliche Belange darstellen – im Rahmen der Abwägung nach § 1 Abs. 7 und § 2 Abs. 3 BauGB bei der Änderung des Flächennutzungsplans bzw. Aufstellung dieses Bebauungsplans zu berücksichtigen.

43

Für die mit Schreiben vom 24.08.2009 eingeleitete frühzeitige Behörden- und öffentliche Trägerbeteilung hinsichtlich der Bebauungsplanverfahren 63-09/1 „Bau-, Heimwerker- und Gartenmarkt“ sowie 63.09/2 „Möbelmarkt – Am Haselholz“ gilt das Gleiche. Auch hier war zum maßgebenden Zeitpunkt nicht einmal die Öffentlichkeitsbeteiligung nach § 3 Abs. 2 BauGB durchgeführt worden. In diesem Stadium des Verfahrens kann nicht von einem Planungsstand ausgegangen werden, der im Planaufstellungsverfahren 35.05 beachtliche Belange begründen konnte.

44

Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 154 Abs. 1, 159 VwGO sowie § 100 Abs. 2 ZPO.

45

Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf §§ 167 VwGO, 705 ff. ZPO.

46

Der Senat sieht keine Gründe im Sinne des § 132 Abs. 2 VwGO, aus denen die Revision zuzulassen wäre.

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