Beschluss vom Finanzgericht Hamburg (3. Senat) - 3 KO 73/17
Gründe
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A. Erinnerung betreffend Streitwert
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Soweit die Klägerin den dem Kostenfestsetzungsbeschluss vom 8. Februar 2017 (...) zugrunde gelegten Streitwert aus dem Beschluss der im Klageverfahren zuständig gewesenen Einzelrichterin vom 8. Februar 2017 (...) angreift (...), ist die jetzige Erinnerung gemäß § 149 FGO unzulässig.
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I. Das Klageverfahren ist abgeschlossen durch Urteil vom 25. Oktober 2016 1 K 120/15 (...); und zwar rechtskräftig infolge Verwerfung der wegen Nichtzulassung der Revision eingelegten Beschwerde als unzulässig durch Beschluss des Bundesfinanzhofs vom 22. Februar 2017 XI B 95/16 (...).
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Der das abgeschlossene Klageverfahren betreffende Streitwertbeschluss der für die Klage zuständig gewesenen Einzelrichterin vom 8. Februar 2017 ist unanfechtbar, wie auch bereits in der Rechtsmittelbelehrung ausgeführt.
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II. Im Übrigen ist der von dem für die Klage zuständigen Senat bzw. von dessen gemäß § 6 FGO zuständiger Einzelrichterin nach §§ 52, 63 GKG festgesetzte Streitwert ohnehin für den Kostensenat im Kostenfestsetzungsverfahren nach § 149 FGO i. V. m. §§ 22 ff., 32 ff. RVG wie beim Gerichtskostenverfahren nach § 66 i. V. m. § 3, §§ 39 ff., § 52, § 63 GKG bindend (vgl. Beschlüsse Bay. LSG vom 06.10.2014 L 15 SF 254/14 E, Juris; vom 13.08.2014 L 15 SF 67/14 E, Juris; FG Hamburg vom 14.08.2013 3 KO 156/13, EFG 2013, 1960, Juris; insgesamt Bay. LSG vom 10.05.2013 L 15 SF 136/12 B, Juris); ebenso wie der Kostenbeamte und im Erinnerungsverfahren der Kostensenat gebunden sind an die in der Klagesache von dem damit befassten Spruchkörper getroffenen Entscheidungen zur Hauptsache, Kostenlast und notwendigen Vertretung im Vorverfahren gemäß §§ 135 ff., 139, 143 FGO (vgl. Beschlüsse BFH vom 05.12.2013 X E 10/13, BFH/NV 2014, 377; vom 20.12.2006 III E 7/06, Juris; FG Hamburg vom 22.07.2011 3 KO 119/11, Juris).
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B. Erinnerung betreffend Stundensatz-Aufwendungsersatz
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Die Erinnerung ist unbegründet, soweit die sich in eigener Sache als Steuerberaterin selbst vertretende Klägerin über die gesetzlichen Gebühren gemäß § 45 StBVV i. V. m. RVG hinausgehende fiktive Stundensatz-Aufwendungen geltend macht (...).
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I. In eigener Sache steht es einem Steuerberater wie einem Rechtsanwalt frei, sich vor dem Finanzgericht selbst zu vertreten und sich bei Obsiegen Gebühren und Auslagen wie ein bevollmächtigter Rechtsanwalt erstatten zu lassen gemäß der diesbezüglichen Spezialregelung in § 91 Abs. 2 Satz 3 ZPO.
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Diese ist nach ständiger Rechtsprechung im Rahmen von § 139, § 155 Satz 1 FGO (wie § 113 FamFG oder § 162, 173 VwGO) sinngemäß anwendbar (vgl. Beschlüsse BFH vom 09.11.1976 VII B 69/74, BFHE 120, 333, BStBl II 1977, 82; FG Baden-Württemberg vom 14.03.1983 VII 527/82, EFG 1983, 629; FG Nürnberg vom 17.12.1979 VI 230/79, EFG 1980, 298; FG München vom 08.02.1967 I 9/67, DStR 1967, 390, EFG 1967, 183; FG Münster vom 24.11.1966 VII 1613/66 Ko, DStR 1967, 322, EFG 1967, 138; Brandis in Tipke/Kruse, AO/FGO § 139 FGO Rz. 27; entgg. FG München vom 01.03.1972 VII 22/72 - ER 1, EFG 1972, 298).
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Denn die Bestimmungen über die Kostenerstattungspflicht in der FGO gehören dem Verfahrensrecht an, sie sind daher entsprechend § 155 Satz 1 FGO durch die Vorschriften der ZPO zu ergänzen (Beschlüsse FG Hamburg vom 09.05.2016 3 KO 123/16, EFG 2016, 1280; BFH vom 29.10.1968 VII B 10/67, BFHE 94, 113, BStBl II 1969, 81 unter Hinweis auf Entscheidung des Großen Senats des BFH vom 18.07.1967 GrS 8/66, BFHE 90, 156, 157-159, BStBl II 1968, 59).
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Insoweit gilt für den Erstattungsanspruch eines Steuerberaters oder Rechtsanwalts dasselbe wie bei Selbstvertretung eines ebenso als Prozessbevollmächtigter nach § 62 Abs. 2 FGO zugelassenen Wirtschaftsprüfers (vgl. BFH-Beschluss vom 02.11.1971 VII B 161/69, BFHE 103, 314, BStBl II 1972, 94).
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II. Aus der gemäß § 155 Satz 1 FGO anwendbaren Regelung in § 91 Abs. 2 Satz 3 ZPO ergibt sich dagegen kein über die dort in Bezug genommenen erstattungsfähigen Gebühren und Auslagen für einen bevollmächtigten Rechtsanwalt hinausgehender Anspruch; so auch kein Anspruch auf einen fiktiven höheren Stundensatz-Aufwendungsersatz. Auch sonst sind fiktiv errechnete Aufwendungen von Beteiligten für eigene Arbeitsleistung, entgangene Einkünfte oder ersparte Bevollmächtigten-Kosten grundsätzlich nicht erstattungsfähig (FG Hamburg, Beschluss vom 30.11.2012 3 KO 205/12, Juris m. w. N; Brandis in Tipke/Kruse, AO/FGO, § 139 FGO Rz. 7, 41).
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C. Erinnerung betreffend Selbstvertretung im Vorverfahren
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Ebenfalls unbegründet ist die Erinnerung hinsichtlich der nach § 139 Abs. 3 Satz 3 FGO begehrten Kostenerstattung für die Selbstvertretung im außergerichtlichen Vorverfahren (...).
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I. Diese Vorschrift setzt für das Vorverfahren im Unterschied zur Selbstvertretung gemäß § 91 Abs. 2 Satz 3 ZPO i. V. m. § 155 Satz 1 FGO nach der am Wortlaut orientierten, inzwischen herrschenden Auslegung voraus, dass tatsächlich ein Bevollmächtigter hinzugezogen und honoriert wurde; fiktive Gebühren sind nicht erstattungsfähig (Schleswig-Holsteinisches FG, Beschluss vom 20.08.2008, 5 KO 15/08, Juris). Da sich ein Kläger nicht zu sich selbst hinzuziehen kann, steht ihm kein Anspruch auf Erstattung von Gebühren des Vorverfahrens zu (vgl. BFH-Beschlüsse vom 21.07.1977, IV B 3/73, BStBl. II 1977; vom 29.03.1973, IV B 89/70, BStBl. II 1973, 535; vom 10.02.1972, V B 33/71, BStBl. II 1972, 355; Stapperfend in Gräber, FGO, 8. Aufl. § 139, Rz. 19 f; Hardt, Anm. zu FG Hamburg, Beschluss vom 09.05.2016 3 KO 123/16, EFG 2016, 1280, 1282). Diese Auffassung ist verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden (BVerfG, Beschluss vom 09.06.1972, 1 BvR 176/72, HFR 1972, 441).
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II. An der fehlenden Hinzuziehung ändert sich nichts durch den Beschluss der Einzelrichterin des Klagesenats über die Notwendigkeit der Hinzuziehung eines Bevollmächtigten gemäß § 139 Abs. 3 Satz 3 FGO. Damit ist nicht darüber entschieden, ob oder inwieweit tatsächlich ein Bevollmächtigter im außergerichtlichen Vorverfahren hinzugezogen und honoriert wurde (vgl. Beschlüsse Niedersächsisches FG vom 14.02.2008 7 KO 3/07, EFG 2008, 1218 m. w. N. zur Entwicklung des Meinungsstands; FG Köln vom 20.09.2002, 10 Ko 3869/02, EFG 2003, 55; FG Bremen vom 19.06.2000 297056K 2, EFG 2000, 885; BFH, vom 09.03.1976, VII B 24/74, BFHE 119, 5, BStBl. II 1976, 568).
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D. Nebenentscheidungen
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Gerichtskosten für das Erinnerungsverfahren sieht das GKG nicht vor.
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Nach Übertragung des Rechtsstreits durch den Klagesenat auf die Einzelrichterin gemäß § 6 FGO entscheidet über die Kostenerinnerung beim Kostensenat ebenfalls der Einzelrichter (vgl. Beschlüsse FG Hamburg vom 02.06.2014 3 KO 110/14, EFG 2014, 1817; FG Baden-Württemberg vom 10.03.2011 11 KO 5287/08, Juris; FG Hamburg vom 02.12.2010 3 KO 194/10, NJW-RR 2011, 720; FG Sachsen-Anhalt vom 23.08.2005 4 KO 888/05, Juris.
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Die Unanfechtbarkeit folgt aus § 128 Abs. 4 FGO.
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